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Leipzig  ~ Teil 2


Etappe 1 / Leipzig v. Mi. 01. bis Di. 07.07.2007

 

Tja, und nun möchte ich doch auch mal ein wenig maulen. Denn was mir immer noch nicht ganz leicht fiel zu übersehen ~ weil es mit jedem Blick augenfällig wurde ~ ist die Nichtakzeptanz verschiedener Menschen, dass es neben ihnen auch noch andere gibt, denen es nicht sonderlich gefällt, sich mit allen möglichen Hinterlassenschaften der Vorgänger arrangieren zu müssen. Sei es die überschüssige Zahnpasta, irgendwo ins Waschbecken oder gar über den Rand gespuckt, Überschwemmungen „all over the room and where it is possible“, Schaumreste in der Dusche, die langen und kurzen, meist schwarzen Haare ~ die anderen fallen halt nicht so auf ~ überall dort, wo sie sich auf Grund ihrer filigranen Muster zumindest dekorativ gut machen, das mit kräftigen Bremsspuren versehene oder nach einem Saufabend hemmungslos vollgekotzte Klo incl. ca. 1 m² Vorfeld (so erlebt in Dresden) und was es an delikaten Feinheiten alles noch so gibt. Hotel Mama (oder was auch immer) hat da bei manchen wohl ziemlich versagt, vermute ich mal. Aber es ist, wie es ist, ich werde diese Dinge nicht ändern können, also ist es an mir, meine „Ausblendbrille“ wieder einmal zu kalibrieren. Oder wie jemand, der mir einmal sehr nahe stand, es auszudrücken pflegte: „Demjenigen Narrenfreiheit einräumen“. Es wird schon, gelle?

Es gibt aber noch etwas, was mir mal mehr, mal weniger zu schaffen machte. Wider Erwarten muss ich zugeben. Es fühlte sich ähnlich an, wie Schwimmen in einem unbekannten, weiten und sehr tiefen Gewässer, von dem man nicht weiß, was darin alles so kreucht & fleucht. Und in besonderen Situationen ~ das dann auch noch im Dunkeln oder im Nebel.

 

Wisst ihr was ich meine?

 

Mir war, als hätte ich total den Boden unter den Füßen verloren, kein Zuhause mehr, niemanden, an den ich mich wenden konnte ~ ich schien völlig auf mich zurückgeworfen zu sein und hatte keine Ahnung, was als nächstes passiert oder auch nicht. Eines der seltsamsten Gefühle und Empfindungen, die mir je bewusst wurden. Es machte mich kribbelig und nervös, aber in einer unangenehm spürbaren Weise. Es war nicht mehr diese Unruhe, die ich immer wieder während meiner Vorbereitungszeit verspürte, gepaart mit unbändiger Freude. Es passte halt gut zu all den widersprüchlichen Empfindungen, die mir bisher schon begegnet waren.

Nichts war mehr wie es noch vor kurzem war. Ich hatte nur noch das, was ich bei mir trug. Und wenn es „NUR“ ein Zettel war, um etwas zu notieren, er lag nicht mehr parat. Ich musste danach fragen. Oder wenn ich ins Internet wollte, ging das auch nicht mal eben sofort. Mit dem WLAN, das noch nicht sooo weit verbreitet war, klappte es eh erst in Dresden und das auch erst nach einigen Anläufen. Oder das Telefonieren. Mit dem Handy, ohne besondere Vorkehrungen nicht gerade ein preiswertes Vergnügen. Mit der gekauften Telefonkarte lästig, weil es grundsätzlich erst einmal eine passende Zelle zu finden galt, die natürlich genauso meistens an lauten Verkehrspunkten lag. Es ist einfach gesprächstötend, wenn ein paar Meter neben einem eines dieser sogenannten Wegerechtsfahrzeuge vorbei heulte. Der blanke Wahnsinn. Alles, aber auch beinahe alles, musste ich neu einüben. Und ich, ich hatte geglaubt, das machste doch alles mit Links.

Tja, und das im Zusammenhang mit den Dingen, die ich noch zu erledigen, um die ich mich noch zu kümmern hatte, erzeugte alles andere als mein Hochgefühl, von dem ich angenommen hatte, dass es mich auf meiner Reise ständig begleiten würde. Beinahe mein halbes Büro hatte ich in einer zusätzlichen Tasche mitgeschleppt. Rechnungen, die noch bezahlt werden mussten. Fragen der Krankenkasse (der gesetzlichen) und der Rentenversicherung, die noch geklärt werden mussten. Post hinterher zu jachtern, die nicht mehr rechtzeitig in meinem Briefkasten gelandet war, mich bei Leuten zu melden, denen ich es versprochen hatte, aber auf Grund meines Chaos nicht dazu gekommen war. Der Verkauf meines Autos, der natürlich erst auf den letzten Drücker erfolgen konnte, weil ich es fast bis zur allerletzten Sekunde gebraucht habe. Und so weiter, und so weiter. Teilweise hatte ich die Schnauze so was von voll, dass ich dachte, das schaffst du nie, du kommst nie ans andere Ende des Globus. Und das sollte jetzt mein langersehntes Reisefeeling sein. Grrrrrr!

Aber dann, gaaaanz langsam, begann das kleine blaue Blümchen der Hoffnung sich wieder zu öffnen und seine kleinen Blätter der Sonne zuzuwenden. Auch wenn diese Sonne in Verbindung mit einer hohen Luftfeuchtigkeit dafür sorgte, dass mir ansonsten immer viel zu warm war. Schwitzen, trinken, schwitzen, das waren meine Begleiter durch Leipzigs Straßen. Aber es machte Spaß, die Stadt in einem gewissen Rahmen zu erlaufen. Das ist etwas, was ich schon immer gerne in fremden Städten getan habe, auch wenn runde und qualmende Füße sich irgendwann weigern, noch eine weitere Straße zu akzeptieren. Aber es gab ja auch noch den Tag danach.

Und an einem dieser Tage stolperte ich über etwas, was mich ins Jahr nach der Wende zurück versetzte, das Firmengebäude des ehemaligen VEB Kombinats Robotron der Deutschen Demokratischen Republik. Mit Grafitties besprüht und leicht herunter gekommen, stand es immer noch an dem Ort, an dem ich als Innenarchitekt damals vorm Niedergang, gemeinsam mit einem Geschäftspartner, an einer möglichen Zukunft mitgewirkt hatte. Eine Computer Ladenkette quer durch den Osten sollte entstehen und in Leipzig der erste Laden installiert werden. Wobei im Hintergrund wohl schon anderes beschlossen war, denn nur kurz nachdem dieser Laden eröffnet worden war, gab es die Firma nicht mehr. Man hatte sie zerschlagen, wie so vieles in dem neuen Teil unserer Republik. Ich hatte zwar noch die Stelle vor Augen, wo dieser Laden für kurze Zeit existierte, konnte sie aber nicht wiederfinden, da ich den Namen der Straße, bzw. des Platzes nicht mehr in Erinnerung hatte, wo er in einem schönen alten Haus sein Dasein gefunden hatte. Ein Jammer, mais c'est la vie.

 

Was mir daneben auch nicht gelungen ist ~ und dafür schäme ich mich fast ein bisschen, aber nur fast ~ mir die so genannten und hoch gepriesenen Sehenswürdigkeiten der Stadt anzuschauen. ICH KANN DAS NICHT, und ich will das auch gar nicht. Ich bezeichne mich auf dem Gebiet glatt als eine Art Kulturbanause. Und das trotz meines Berufs. Alte Gemäuer mitsamt ihrem Inhalt machen mich einfach nicht an. Das war schon immer so. Und wenn ich nun noch erzähle, dass ich mich voller Faszination und Begeisterung in Paris mal stundenrund im, am und ums Centre Pompidou bewegt habe, aber keinen Fuß in den daneben liegenden Louvre setzen konnte, dann weiß jetzt hoffentlich jeder, dass von mir nichts in dieser Richtung kommen wird. Weder in L noch in DD, noch sonst wo. Ich schaue mir lieber einen ungewöhnlichen Gullideckel an und fotografieren ihn auch, als z.B. diesen riesigen Gedächtnisklotz für die Völkerschlacht ~ ich werd's eh nicht mehr begreifen, wieso man einem Schlachtfest ein Denkmal spendiert, naja, es ist ja auch eher ein Mahnmal und soll mahnen, so einen Scheiß nicht wieder zu machen. Oder als Vorgriff, die Preziosen im Grünen Dingensbummens in Dresden. Da schreckte mich allein schon die Meldung ab, dass es um 10 Uhr nur ein bestimmtes Kartenkontingent zu ergattern gilt, sofern nicht vorbestellt wurde. Übrigens, ich hätte die Schrift über dem alten Sandsteineingang in quitschegrün gemacht, statt Gold, wenn das Teil schon so heißt, wär' sicher gut gekommen. Sorry, aber ich will hier nix verhohnepiepeln, nachher krieg' ich noch Haue.

Und so ging ein Leipziger-Allerlei-Tag nach dem anderen dahin. Ich habe diese Stadt immer wieder genießen können, ihr quirliges Leben beobachtet, das Eis des San Remo genossen, beim Classik Open ein wenig reingeschnuppert, die im Vergleich zu Hannover vielen Irokesenbürsten bewundert (die hier sahen gar nicht so griesgrämig aus, wie meistens), den Rudeln von jungen Leuten zugeschaut, wie sie komplett in fantasievollem Schwarz durch die Stadt zu ihren Schuppen pilgerten, den mdr Turm mit dem Expresslift bestiegen und einen Super-Rundblick über L gehabt und sogar die ein oder andere Kirche, wie z.B. die Nikolai Kirche von innen gesehen, auch wenn sie als so genanntes „Muss“ auf der Liste stand und steht. Au ja, und die vielen hübschen Häuser aus der Gründerzeit, renoviert oder nicht, sowie auch manche freche und interessante Architektur neueren Datums, und die Gebäude, die man für viele, viele Euros mit bemaltem Tuch verhängt hat, weil man ihre trostlose Plattenbaugesichter wohl nicht mehr sehen konnte oder wollte. Und dann noch die vielen, vielen leeren Fabriken, die sich als Loft anbieten könnten. Leipzig hat einfach was, auch wenn es noch ein wenig dahinkrepelt.

 

Ach ja, eine 4 Stunden Fahrt mit dem „Gläsernen Leipziger“, einer umgebauten Straßenbahn, mit teilweise gläsernem Dach plus Klimaanlage, durch Leipzigs Straßen, habe ich mir gegönnt. Das hat mir ~ wie früher als Kind, die ersten Straßenbahnfahrten ~ gut gefallen. Und wenn der touristische Begleiter anfing in einer Richtung zu schwafeln, die mich nicht interessierte, habe ich halt auf Durchzug geschaltet und mir meinen eigenen Film angeschaut.

Leipzig, ich glaube, hier könnte ich leben. Und rein prophylaktisch habe ich schon mal Goethes Schuh in Auerbachs Keller gestreichelt, weil es doch heißt, dass derjenige, der das macht, wiederkommt. Und wer weiß schon, was sein wird, wenn ...

 

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